Wundinfekte nach der OP

Donnerstag, 04. Dezember 2014, 10:02 Uhr

Erstmals hat der Nationale Verein für Qualitätsentwicklung in Spitälern und Kliniken ANQ die Daten zu postoperativen Infekten veröffentlicht. Jonas Marschall, Marianne Blatter und Guido Beldi nehmen aus Sicht Inselspital und Spital Netz Bern Stellung.

Damit die Infektionsrate niedrig bleibt: Das Personal von Inselspital und Spital Netz Bern wendet strikte Hygienemassnahmen an. (Foto: Pascal Gugler)

Jonas Marschall und Marianne Blatter, die vom Verein Swissnoso erfassten und vom ANQ veröffentlichten Daten ermöglichen einen Vergleich zwischen Schweizer Spitälern. Sie haben als Verantwortliche Spitalhygiene im Inselspital bzw. in den Spitälern Tiefenau und Ziegler die Insel- und SNBe-Daten für die Wundinfektions-Erhebung zusammengetragen. Welches sind für Sie die wichtigsten Erkenntnisse?

Jonas Marschall: Beim Vergleichen muss man berücksichtigen, dass diverse Faktoren hineinspielen. Zum Beispiel werden an einem Unispital komplexere Fälle operiert, die ein höheres Komplikationsrisiko aufweisen. Trotzdem haben wir hier erstmals einen Ausgangspunkt für die Spitäler im ganzen Land, um Massnahmen zu diskutieren und einzusetzen und damit die Patientensicherheit zu verbessern. Das ist die wichtigste Erkenntnis für mich.

Marianne Blatter: Qualitätsdaten sind für eine Unternehmung eminent wichtig. Nimmt man die publizierten Infektionsraten spitalintern ernst, sind sie eine gute Grundlage zur Verbesserung der Patientensicherheit. Die Daten zwischen den Spitälern vergleichbar zu machen ist allerdings eine ganz schwierige Sache. 

Wie sind Sie zufrieden mit dem Abschneiden des Inselspitals bzw. der SNBe-Spitäler?

Jonas Marschall: Am Inselspital gibt es Eingriffe, bei denen die Infektrate niedriger als der Schweizer Durchschnitt ist, und solche, bei denen sie höher ist. Im ersten Fall können wir uns freuen, im letzteren besteht Handlungsbedarf. Daneben gibt es aber viele weitere Eingriffe, für die noch gar keine Infektüberwachung existiert, und bei denen wir nicht wissen, wo wir stehen. Der Hauptgrund hierfür ist der hohe personelle Aufwand. Ich persönlich finde es da viel besser, die Infektrate zu kennen, auch wenn sie hoch ist. Denn dann weiss man, wo ansetzen. Wir sehen auch, dass wir gerade dort, wo schon seit langem eine Infektüberwachung geschieht, besonders niedrige Infektraten haben, Beispiel Herzchirurgie. Man vermutet, dass das Bewusstmachen von Infektraten alleine schon etwas bewirken kann, und je länger eine Infektüberwachung schon läuft, desto mehr ist dieser Qualitätsindikator Teil der Klinikkultur.

Marianne Blatter:  Auch im SNBe erheben wir seit mehreren Jahren die Infektraten. Die aktuell publizierten sind gut und vergleichbar mit den früher (und auch später) erhobenen Zahlen. Man darf nicht vergessen, dass wir hier von Zahlen von 2012 sprechen.

Guido Beldi, als Leitender Arzt der Universitätsklinik für Viszerale Chirurgie und Medizin haben Sie die Swissnoso-Erhebung besonders aufmerksam studiert, denn bei den Dickdarm-Operationen kommt es am häufigsten zu Wundinfekten. Ihr Kommentar?

Guido Beldi: Ich halte die Swissnoso-Risikoadjustierung in unserem Fall für ungenügend. Sowohl bei den Cholezystektomien wie auch bei den Colon-Eingriffen behandeln wir kaum Patienten mit dem tiefsten Risikoprofil (symptomatische Cholezystolothiasis und Sigmaresektion nach abgeheilter Divertikulitis). Im Gegensatz zu den anderen Zentren behandeln wir vorwiegend polymorbide Patienten, welche entweder notfallmässig operiert wurden oder an einer komplexen Tumorerkrankung leiden.

Die Erhebung betrifft die Jahre 2010-2011 bzw. 2010-2012, je nach untersuchtem Eingriff. Was hat sich bei uns in der Zwischenzeit punkto Sicherheit getan?

Jonas Marschall: In der Tat haben wir intern bereits neuere Daten zur Verfügung und haben diese auch schon untersucht. Bei den Dickdarmoperationen zum Beispiel hat sich die Infektrate seither verbessert. Das ist nicht zuletzt das Verdienst von Prof. Guido Beldi, der sich als Viszeralchirurg seit langem mit dem Qualitätsindikator «postoperativer Infekt» beschäftigt. 

Marianne Blatter: Wir nehmen die Zahlen ernst und kommunizieren sie so, dass allfällig sichtbare Probleme zeitnah angegangen werden können. Dafür warten wir aber nicht bis zur Publikation der Infektraten sondern reagieren auch unter dem Jahr.

Guido Beldi: Ich darf hier auch auf unsere vom schweizerischen Nationalfonds unterstützte Studie verweisen, welche neue Interventionen prüft. Unter anderem untersuchen wir, ob verbesserte intraoperative Kommunikation Wundinfekte vermindern kann.

Angenommen, Sie müssen als Patient «unters Messer»: Wie hilfreich ist für Sie eine solche «Rangliste»?

Jonas Marschall: Ich denke, dass der Nutzen für einen individuellen Patienten begrenzt ist. Um eine individuelle Risikoabschätzung machen zu können, müsste man wissen, wie das Infektrisiko bei ähnlichen Patienten ist, in Bezug auf Alter, Grunderkrankungen und anderes. Diese Information kann man nicht aus den hier präsentierten Durchschnittsraten ersehen.

Marianne Blatter: Ich teile die Meinung von Jonas Marschall. Ich rate den Patienten, den Chirurgen oder das Spital zu wählen, das ihnen der Hausarzt bzw. die Hausärztin empfiehlt.

Die postoperativen Infektionsraten sind in der Schweiz höher als in den USA oder im übrigen Europa. Woran liegt das?  

Jonas Marschall: Zum einen hat sich Swissnoso vor Jahren zu einer sehr exakten Weiterverfolgung der operierten Patienten entschieden. Dabei werden 30 Tage nach dem Eingriff Telefoninterviews mit Patienten geführt und zusätzliche Daten gesammelt, um zu erfassen, ob sich nach Austritt ein Infekt ereignet hat. Die Qualität der Überwachung hat unmittelbaren Einfluss auf die Anzahl der korrekt identifizierten Infekte und damit auf die Infektrate. Andrerseits ist es aber auch möglich, dass bei gewissen Eingriffen tatsächlich höhere Infektraten zu finden sind. Schliesslich veröffentlichen viele Spitäler z.B. in Deutschland oder den USA schon sehr viel länger solche Daten und haben dementsprechend mehr Zeit gehabt, Massnahmen zu treffen und ihre Infektraten zu verbessern.

Marianne Blatter: Dass die Infektraten höher sein würden, war von vornherein klar, weil eine akribischere Suche nach Infekten, speziell auch nach Spitalaustritt, gewählt wurde. Der Vorteil dieses Vorgehens liegt darin, dass damit verlässlichere Zahlen generiert werden, der Nachteil eindeutig in der schlechteren Vergleichbarkeit mit den Zahlen aus dem Ausland. Man soll sich aber davor hüten, die schweizerischen Infektraten deshalb salopper zu beurteilen. Sie müssen die Grundlage bilden, auf der Verbesserungsmassnahmen diskutiert werden können.